Das weinende Christkind in der Gottesackerkirche zu Glauchau

Aus Schönburgischen Landen – Sagen der Heimat

Der Schillerplatz an der Webschule gehört zu den schönsten Plätzen Glauchaus. Die jungen, frohen Menschen, die täglich über diesen Platz ihrem Schulgebäude zuschreiten, wissen nichts davon, dass einst auf diesem Platze manches Menschenkind in bitterem Leide stand. Aber die alten Glauchauer Bürger, die auf den Ruhebänken sitzen, die überall in den Anlagen aufgestellt sind, können sich noch gut daran erinnern. Im Scheine der wärmenden Sonne träumen oder sprechen sie von jenen vergangenen Zeiten. Einmal hat mir so ein freundlicher Alter folgendes erzählt:

Dieser herrliche Platz war früher der Glauchauer Gottesacker. Über 300 Jahre fanden hier die Einwohner unserer Stadt ihre letzte Ruhe. Rechts vom Eingang stand ein liebes trautes Kirchlein, die Gottesackerkirche. Auf ihrem Altare war ein herrliches Schnitzwerk aufgestellt, eine schöne, lebensgroße Marienfigur mit dem Jesuskindlein auf dem Arm. Das Kindlein war gar lieblich anzuschauen. Es hatte ein schlohweißes Hemdlein an, wie es so recht zu einem Unschuldskindlein passt. Auf dem Kopfe trug es ein Häubchen, das mit bunten Bändern geziert war.

Alljährlich zur Weihnachtszeit erhielt das Christkind von der Frau des Kirchenvorstehers ein neues Gewand. Einst geschah es aber, dass die Frau ihre Pflicht vergaß. Sie dachte: „Wozu ein neues Hemdchen nähen, wenn das alte noch schön genug ist? Es kann ganz gut noch ein Jahr getragen werden." So unterblieb der alte Brauch. Da geschah eines Nachts, als einige Glauchauer Bürger und Bürgerinnen von einem Kindtaufschmause heimkehrten, etwas Sonderbares. Am Gottesacker vernahmen sie ein klägliches Weinen. Als sie aufmerksam lauschten, hörten sie, dass es aus der Kirche kam. Besorgt traten sie ein, denn sie glaubten, ein Kind habe sich verirrt. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie bemerkten, dass das Weinen aus dem Munde des Christkindleins auf dem Altare kam. Es verlangte nach seinem neuen Hemdchen und Häubchen.

Da hatte die Tochter dieser Leute, die ein gar liebes, braves Mädchen war, Mitleid mit dem heiligen Kinde. Sie eilte mit ihren Eltern nach Hause und nähte die ganze Nacht. Am frühen Morgen brachte sie das neue Gewand zur Kirche und zog es dem Kindlein an. Da verstummte das Weinen.
Mit fröhlichem Herzen kehrte das Mädchen heim. Es hatte Glück sein ganzes Leben lang.

Aus Schönburgischen Landen.
In: Sagen der Heimat.
Arthur Fröhlich zum Gedächtnis. Herausgegeben von der Lehrerschaft des Schulaufsichtsbezirks Glauchau, Heft 7,
Druck und Verlag von E. R. Herzog, Meerane i. Sa., 1935

Die Redaktion bedankt sich bei Georg Graf von Schönburg-Glauchau für die Bereitstellung der historischen Materialien.

Die Postkarte von der Gottesackerkirche (Titelbild) stellte Volker Nötzold der Redaktion zur Verfügung.

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