Der Bau der Chemnitz - Zwickauer Eisenbahn (Teil 2)

- Erzählung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts -

 

Es herrschte große Freude, als König Johann Ende August unsere Stadt mit seinem Besuche beehrte. Durch öffentlichen Aufruf, dessen es aber gar nicht bedurft hätte, wurde Glauchaus Bürgerschaft gebeten, ihre Dankbarkeit für die Genehmigung des Eisenbahnbaues dem Könige durch möglichst freundliche und feierliche Ausschmückung der Stadt kundzutun. Es war ein prächtiges Bild. Vor den Häusern standen Fichten und Birken, an vielen Stellen waren Girlanden über die Straßen gezogen, die fleißigen Hände aus Tannengrün gewunden und mit bunten Blumen durchflochten hatten. Die Häuser waren beflaggt und mit Kränzen behangen, auch an Teppichen und passenden Inschriften fehlte es nicht. Unter dem Geläute der Glocken zog der König in die Stadt ein und fuhr zum Schlosse, überall von freudigem Hochrufen begrüßt. Der Jubel wollte kein Ende nehmen, so sehr dankte man es dem Landesherrn, dass durch Bewilligung des Bahnbaues ein flotterer Geschäftsbetrieb eingesetzt und das Ende der langen, arbeitslosen Zeit gebracht hatte. Nach beendigter Tafel im Schlosse fuhr König Johann mit seinem Gefolge und mit Vertretern der Stadtgemeinde nach Scherberg und besichtigte dort den für den Bahnhof vorgesehenen Platz. Auch die Stelle, an welcher die große Eisenbahnbrücke über die Mulde gebaut werden sollte, sowie die Zeichnung zu dieser Brücke nahm der König in Augenschein.

Die Jahre 1856 und 1857 waren gute Jahre für das wirtschaftliche Leben Glauchaus. Zum Bahnbau wurden viele Arbeiter angefordert, für auswärtige musste Quartier beschafft werden. So gab es mancherlei Verdienstmöglichkeiten. Es war aber auch höchste Zeit; denn vorher hatten manche Familien kaum das trockene Brot zum Leben. Denke nur: ein Familienvater, der auch beim Bahnbau Beschäftigung gefunden hatte, fiel während der Arbeit vor Entkräftung um und verstarb wenige Stunden darauf. War es doch eine gar mühselige und harte Arbeit, mit Hacke und Schaufel das Land abzugraben und in große Radewellen zu füllen. Die Arbeiter stellten sich darauf in Reih' und Glied an und fuhren die Erde dorthin, wo der Damm aufgeschüttet wurde. Ich habe oft aufgepasst und gestaunt, wie gegen 25 Männer Schritt für Schritt hintereinanderher marschierten und die schweren Karren vor sich herschoben. Mit Staunen betrachtete man die hohen Dämme und insbesondere die große Eisenbahnbrücke über die Mulde. So etwas Herrliches gab's nicht gleich wieder! Sogar von auswärts kamen Leute und bewunderten das Bauwerk.

Glauchau konnte sich glücklich preisen. Es glitt in ein neues Zeitalter hinein. Auch manche anderen längst geplanten Bauten und erhofften Verbesserungen wurden zur Wirklichkeit. Die Straßen wurden gepflastert, die neue Wasserleitung wurde angelegt; unterhalb des Scherberges entstand die Gasanstalt, und im Buttermilchturm wurde das Telegraphenamt eingerichtet. Mit stolzen Gefühlen gingen damals Glauchaus Bürger umher. So viel auf einmal hatten sie nicht zu hoffen gewagt, ganz besonders wurde es anerkannt, dass auch für die Jugend durch den Bau der heutigen Dittesschule gesorgt wurde.

Mit großem Fleiße und viel Freude wurde der Bahnbau gefördert, so dass bereits am 25. August 1857 der erste Eisenbahnzug, eine Lokomotive mit 25 Wagen, über die Brücke fahren konnte. Das war ein wichtiger Augenblick für die Bewohner der ganzen Gegend. Sogar die Allerjüngsten wurden in ihrem Deichsel-Korbwägelchen mitgebracht, weil doch niemand zu Hause bleiben wollte, die Kleinen zu hüten. Und nun wurde es Wirklichkeit, was man so lange erhofft: Erwartungsvoll stand alt und jung und staunte die große Brücke an, auf welcher die Mitglieder des Stadtmusikkorps Aufstellung genommen hatten. Endlich, endlich hörte man ganz von Ferne ein Fauchen und Rollen. Er kommt, er kommt!' rief es durcheinander, und schon begannen die Musiker zu spielen. War es ein Choral oder ein flotter Marsch, ich weiß es nicht mehr zu sagen, so groß war meine Aufregung, dass ich ja nichts verpasste. Und nun wurde es Wirklichkeit, was man so lange erhofft: Mit Fähnchen aufs Schönste geschmückt, fuhr der erste Zug über die Brücke, und in den offenen Wagen, die einer Kutsche ähnlich waren, saßen wirklich Leute und winkten vergnügt heraus und sahen gar nicht ängstlich aus. Vor Staunen vergaßen die Zuschauer fast das Winken, obwohl sie ihre Schnupftüchlein schon lange krampfhaft in den Händen gehalten hatten. Aber als die ersten Wagen vorüber waren, da hatte der Jubel keine Grenzen, die Tücher flatterten in der Luft. Hoch! Hoch! erscholl es aus aller Munde. Man stand noch lange auf seinem Platze, als der Zug schon längst vorüber war, und sprach mit Freunden und Gevattern von der Bedeutung dieses Tages. Im Geiste sah man sich auch einmal in so einem Wagen sitzen.

Leider sollte die Freude nicht lange währen. Vom 31. Juli bis zum 2. August 1858 suchte ein furchtbares Hochwasser unsere Stadt heim und zerstörte den Damm und die Pfeiler der Brücke, so dass man nicht mehr wagen konnte, darüber zu fahren. Wie viel mühsame Arbeit musste da erst wieder geleistet werden! Wie viel Geld sollte das kosten! Würde das Geld auch bewilligt werden? Wer sollte den vom Hochwasser Geschädigten helfen? Auf dem Wehrdigt sah es wüst und traurig aus. Worte sind zu schwach, mein lieber Werner, dir dieses Elend wahrhaft zu schildern. Viele Häuser waren eingestürzt, der Hausrat, der nicht mit hinweggeschwemmt worden war, lag zerstört und verschlämmt umher, und viele Häuser, die noch standen, waren so wackelig, dass sie einer gründlichen Ausbesserung bedurften. es war nur ein Glück, dass durch das schnelle Eintreffen der Pioniere und Pontoniere aus Dresden mit ihren Kähnen und durch ihr tatkräftiges Handeln das Leben der armen Wehrdigtbewohner gerettet worden war. Und wieder kam König Johann von Dresden nach Glauchau, um sich selbst von der Größe der Verwüstungen durch die Wasserfluten zu überzeugen. Wie ganz anders gestaltete sich diesmal sein Einzug in die Stadt als vor drei Jahren! Bedrückt und kummervoll waren die armen Glauchauer. Ernst und betrübt blickte auch der König drein, und tiefstes Mitgefühl sprach aus seinem guten Augen, als er in Gemeinschaft mit den Erlauchten Grafen Alban und Heinrich und in Begleitung der städtischen Behörden die durch die Überschwemmung angerichteten Zerstörungen auf den Wehrdigt und an der Eisenbahn persönlich in Augenschein nahm. Er tröstete die vom Unglück Betroffenen und gab ihnen die Zusicherung, dass alles getan werden würde, was zur Linderung und Beseitigung der Not geschehen könnte.

Die guten Glauchauer ließen den Mut auch nicht sinken. Wenn nur die Beschädigungen an der Eisenbahn erst wieder beseitigt waren, dann konnte man von auswärts billige Nahrungsmittel, Kohlen, Holz und Baumaterial beziehen, und dann hatte die Not ein Ende. Mit Hilfe zahlreicher Arbeitskräfte war die Brücke bald erneuert und der Damm befestigt, so dass die Bahn doch noch im Jahre 1858 eröffnet werden konnte. Von einer großen offiziellen Einweihungsfeier hatte die Regierung in Anbetracht der bitteren Not, die das Hochwasser herbeigeführt hatte, abgesehen, aber dennoch war der 15. November 1858, an dem die Bahnstrecke dem öffentlichen Verkehr übergeben wurde, für alle Glauchauer ein bedeutungsvoller Tag.

Ich bin im Frühjahre 1859 zum ersten Male auf der Eisenbahn gefahren, als mich mein Vater mit nach Leipzig auf die Messe nahm. Mein Pate fuhr auch mit. Ich war damals 13 Jahre alt. Es ist mir unvergesslich geblieben, wie fest ich mich gehalten habe. Doch wie schön war es, und wie stolz war ich! Nun fahren schon über 70 Jahre die Züge aus dem Bahnhofe und weiter jene Strecke, die das Sehnen der damaligen Bevölkerung war. Was jene braven und weitsichtigen Männer erkämpft haben, hat Früchte getragen. Das Eisenbahnnetz ist erweitert und vervollkommnet worden.

Oft und gerne lenke ich meine Schritte nach dem Bahnhofe – es ist ja nun auch ein neuer, zeitgemäßer gebaut worden – und schaue den davoneilenden Zügen gedankenvoll nach. Welche Bequemlichkeit hat uns doch jene Zeit gebracht, welche Möglichkeiten, die Schönheiten der Heimat ohne die Mühe des steten Wanderns kennenzulernen. Lerne nachdenken," schloss der Großvater, „dann wirst du denen dankbar sein, die vor dir waren."

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