Der Bau der Chemnitz - Zwickauer Eisenbahn

- Erzählung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts -

 

„Grüß Gott, Großvater, wie geht's? Ach, wie freue ich mich, dich gesund wiederzusehen?" Mit diesen Worten begrüßte Werner Kraft seinen Großvater, indem er leichtfüßig aus dem Auto sprang und dem Vierundachtzigjährigen, der vor der Haustür sehnsüchtig auf den Enkel gewartet hatte, herzhaft die Hand schüttelte. „Willkommen, herzlich willkommen, mein Junge," erwiderte der Alte, „komm mit herein ins Haus; Vater hat schon bezahlt, die Benzinkutsche kann abfahren, und Mutter hat bereits den Kaffeetisch gedeckt." „Ja, ja, Großvater hat recht; jetzt wollen wir ein gemütliches Kaffeestündchen halten."

Es war eine fröhliche Unterhaltung. Großvater genoss diese Stunde mit jener stillen Dankbarkeit, die Menschen in so hohem Alter eigen ist. Jede Freuden- und Feierstunde ist ihnen ein Geschenk, das sie dankbar genießen. Er saß im Lehnstuhl, rauchte zufrieden sein Pfeifchen und hörte still zu. Nach dem Kaffeetrinken ging der Vater noch einmal ins Geschäft; die Mutter hatte in der Küche zu tun. Da sprach Werner zum Großvater: „Komm, wir gehen in dein Zimmer, und du erzählst deinem großen Jungen wieder einmal Geschichten, genau wie früher, als er noch ganz klein war, nur, dass es keine Märchen sind. Erzähl mir heute, wie Glauchau seine Eisenbahn erhielt." Beifällig erhob sich der Alte und ging mit dem Enkel in sein Stübchen. Er nahm eine Prise und stopfte sich ein neues Pfeifchen; sie setzten sich bequem zurecht, und der Großvater begann seine Erzählung:
„Ich muss zuerst berichten, was ich von meinem Vater weiß. Für die Leute jener Tage war es von größter Bedeutung, dass sie sich von der Postkutsche trennen mussten und dafür auf der Eisenbahn fahren konnten. Aber es bedurfte der Bemühungen vieler wackerer und weitsichtiger Männer, um diesen Fortschritt zu erreichen. Mein Vater gedachte immer voll Dankbarkeit des Herrn Bürgermeisters Pfotenhauer, der später Oberbürgermeister von Dresden wurde und des Herrn Bürgermeisters Martini, der Glauchauer Ständeverordneten Ziegler und Hörner, sowie des Grafen Alban von Schönburg und vieler anderer ehrenwerter Männer, die nicht Zeit und Mühe gescheut hatten, zu fordern, dass wir nach der Sächsisch-Bayrischen, der Sächsisch-Böhmischen und der Sächsisch-Schlesischen Bahn auch eine Bahn bekämen, die mitten durch unser Sachsenland führte. Sie wussten wohl, dass dadurch Handel und Wandel, welche arg darniederlagen, gehoben würden. Es waren damals schwere Zeiten! Die Weberei ruhte ganz, es war kein Geld unter dem Volke, und die Folge davon war, dass auch alle anderen Gewerbe nicht viel zu schaffen hatten. Freilich gab es auch Leute, die einem Bahnbau in dieser Zeit sehr zurückhaltend gegenüberstanden. Aber jene wackeren Männer wussten, dass gerade das Baugewerbe dadurch zu lohnender Beschäftigung kommen und die wirtschaftliche Lage sich bedeutend heben würde. In diesem Sinne wurde im Jahr 1845 eine Petition an die Hohe Ständeversammlung des Königreichs Sachsen zu Dresden verfasst, worin man die Gründe darlegte und mit aller Energie eine Binnenbahn forderte.

Mein Vater war ja schon glücklich, dass er die Bahn wenigstens von Gößnitz nach Leipzig benutzen konnte. Als Schuhmacher kaufte er das Leder in Leipzig auf der Messe ein. Um dorthin zu gelangen hätte er die Postkutsche benutzen können, aber das war nicht so einfach und mit vielen Umständlichkeiten verbunden. Geraume Zeit vor Abgang der Post musste man sich und sein Gepäck bei der Königlichen Postanstalt einschreiben lassen. Der Postbeamte trug den vollständigen Namen und Stand der Reisenden, den Wohnort und das Ziel der Reise, sowie Art und Gewicht des Gepäcks mit peinlicher Sorgfalt in eine große Tabelle ein. Dies wiederholte sich mehrmals im Verlauf einer längeren Reise; denn man wurde in Glauchau nicht direkt bis Leipzig eingeschrieben, sondern zunächst nur bis Gößnitz oder bis Altenburg. Mitfahren konnte man aber nur, wenn noch Platz vorhanden war. Da zog es mein Vater in jungen Jahren oft vor, sich mit Quersack und Schiebbock auf den Weg zu machen, und er kam auch ans Ziel. Aber mühselig war es doch. Welch' erhebendes Gefühl musste es nun für ihn gewesen sein, als er nach Vollendung der Sächsisch-Bayrischen Eisenbahn nur bis Gößnitz zu Fuß zu gehen brauchte und sich dort ohne Sorge um den rechten Weg in den Dampfwagen setzen konnte, der ihn sicher nach Leipzig fuhr. Hatte er in Leipzig genügend Leder eingekauft, so gab er seine Ware auf die Bahn, setzte sich mit hinein und fuhr gemächlich der Heimat zu, ohne sich unterwegs um etwas bekümmern zu müssen. Den Quersack hatte er immer noch bei sich. Der barg neben neuem Werkzeug, neuem Arbeitsmaterial und vielerlei nützlichem Kleinkram auch manche Herrlichkeiten: eine neue Tabakdose, ein seidenes Tüchlein oder eine reizende Nippfigur für die liebe Mutter und einige „Leipziger Wetzsteine", langersehntes, wohlschmeckendes Gebäck für uns Kinder. – In Gößnitz freilich musste mein Vater den Zug verlassen; das letzte Stück der Reise legte er zu Fuß zurück. Aber so beschwerlich dies auch war, er tröstete sich mit dem Gedanken: Bald wird die Eisenbahn auch zwischen Glauchau und Gößnitz verkehren. –

Allerdings so schnell, wie wir gehofft hatten, kam der Bau nicht zustande. Durch die unsichere politische Lage, die Möglichkeit eines Krieges, die Unruhen des Jahres 1848 verzögerte sich die Ausführung von Jahr zu Jahr. Aber unentwegt arbeiteten jene braven Männer weiter an dem einmal gefassten Plane. Von 1851 bis 1855 wurden Petitionen an die Hohe Ständeversammlung und das Finanzministerium abgesandt. Wie oft mögen in diesen Jahren von Stadtrat und Stadtverordneten Sitzungen gehalten worden sein, wie lange mögen diese gedauert haben! Mein Vater erzählte oft davon, mit was für bewegten und wohldurchdachten Worten die Petitionen verfasst worden waren. Du siehst daraus, mein lieber Werner, dass es auch schon damals anschlägige Köpfe gab.

Endlich, nachdem auch alle Nachbarstädte, Meerane, Hohenstein, Ernstthal und Lichtenstein, sowie Chemnitz und Zwickau mehrere Petitionen eingereicht hatten, sollte die Beharrlichkeit unserer Stadtväter, deren Oberhaupt jetzt Herr Bürgermeister Martini war, von Erfolg gekrönt werden. Anfang März des Jahres 1855 kam die Eisenbahnangelegenheit in der zweiten Kammer abermals zur Beratung. Die in den Petitionen eingehend dargelegten Gründe wurden anerkannt. Nach längerer Aussprache wurde der Bahnbau einmütig beschlossen. Unsere hießigen Arbeiter, die so lange ohne jeden Verdienst gewesen waren und keine Erwerbslosenunterstützung bezogen, sollten nach Möglichkeit bei dem Bau beschäftigt werden. Am 30. März traf eine Depesche von Dresden ein, worin der Stadtverwaltung mitgeteilt wurde, dass die erste Kammer des Landtages den Beschlüssen der zweiten zugestimmt und das Dekret der Staatsregierung über den Bau einer Staatseisenbahn von Chemnitz über Glauchau nach Zwickau mit der Zweigbahn nach Schönbörnchen nach Gößnitz als Fortsetzung der schon bestehenden Riesa-Chemnitzer-Linie einstimmig angenommen habe. Nun schauten alle Leute wieder hoffnungsvoll in die Zukunft.

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe

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