Der Graurock

( Aus Schönburgischen Landen – Sagen der Heimat. Die Sage wurde von der Redaktion gekürzt. )

In Zwickau lebte vor vielen, vielen Jahren ein Amtmann, der ein unbarmherziger Leuteschinder war. Bauern und Häusler bedrückte er mit den schwersten Frondiensten. Für die Not der armen Leute hatte er nur Spott und Hohn. Traf er im Walde Holzsammler oder Pilz- und Beerensucher, so hetzte er die Hunde auf sie. Kein Wunder, dass das Volk den Amtmann ingrimmig hasste und froh war, als ihm das letzte Stündlein schlug.

Aber selbst nach seinem Tode ließ der Amtmann die Leute nicht in Frieden. In dem großen Wald, der sich westlich von Mülsen St. Micheln ausbreitete, trieb er sein Unwesen weiter. Er ängstigte und schreckte alle, die ihm in den Weg kamen. Da er sich immer in einem grauen Gewande zeigte, nannten ihn die Leute den Graurock.

Ein Fleischer aus Mülsen St. Micheln sollte bei einem Bauern in Auerbach schlachten. Es war vor Weihnachten. Als er daheim fortging, war es noch stockfinster. Sein Weg führte ihn durch den verrufenen Wald. Er hatte ihn kaum betreten, so vernahm er neben sich Schritte. Er blieb stehen und lauschte. Nichts war zu hören. Er ging weiter. Sofort war das Geräusch wieder da. Er hielt von neuem an und rief: „Wer da?" Niemand gab Antwort. Er setzte seinen Weg fort. Sein vermeintlicher Begleiter tat es auch. Unwillkürlich hielt sich der Fleischer seitwärts und kam vom Wege ab. Jetzt glaubte er sogar Pfeifer, Hüsteln und unterdrücktes Gelächter zu hören. Bald wusste er nicht mehr, wo er war und welche Richtung er einschlagen sollte. Er folgte aufs Geratewohl einem Wege. Der hörte jedoch mitten im Walde auf. Er ging zurück und schlug einen Seitenweg ein, aber auch der führte nicht ins Freie. So irrte er lange hin und her. Endlich dämmerte der späte Wintermorgen. Da verschwand der Spuk. Der Fleischer fand sich aus dem Walde heraus und sah bald ein Dorf im Tale liegen. Es war Mülsen St. Micheln. So hatte ihn der verwünschte Graurock genarrt.
Nicht besser erging es einem Musikanten aus Mülsen St. Micheln. Er hatte mit zwei Freunden in Auerbach zum Tanze aufgespielt. Nach der Musik machten sich die beiden sofort auf den Heimweg. Er selbst wollte in der Gaststube noch ein Glas Bier trinken. „Ehe ihr an den Wald kommt, hole ich euch schon ein." Sagte er zu seinen Gefährten. Aber er blieb doch länger sitzen, als er sich vorgenommen hatte. So musste er allein durch den finstern Wald gehen. Es ward ihm ein wenig unheimlich zu Mute. Er rief seine Freunde und erhielt auch Antwort. Er ging der Stimme nach, kam aber dabei vom Wege ab. Er rief von neuem. Diesmal wurde sein Ruf von der entgegengesetzten Seite her erwidert. Er kehrte um und rief abermals. Kreuz und quer lockte ihn die antwortende Stimme immer tiefer in den Wald hinein. Mühsam tastete er sich vorwärts, stieß an Bäume, stolperte über Wurzeln und Stöcke und riss sich Gesicht und Hände an Dornen und Gestrüpp blutig. Erst als der Morgen anbrach, fand er sich weitab von Mülsen St. Micheln aus dem Walde heraus. Der Graurock hatte ihn bis in den unteren Teil des Mülsengrundes gelockt.

Jahrzehnte hindurch spukte der Amtmann noch in dem Walde. Endlich gelang es einer weisen Frau, ihn zu bannen. Drei beherzte Männer aus Mülsen St. Micheln waren ihr dabei behilflich. Die Frau bestellte sie in einer Neumondnacht auf den Kreuzweg in der Nähe des verwünschten Waldes. Sie gebot ihnen, Hacke und Schaufel mitzubringen und unterwegs kein Sterbenswörtlein zu reden. Die Männer waren zur festgesetzten Stunde an Ort und Stelle. Als der letzte Glockenschlag der Mitternachtsstunde verklungen war, erschien die weise Frau und winkte ihnen, ihr zu folgen. Vor einer großen Eiche am Waldrande blieb sie stehen, zog drei Kreise um sich und ihre Begleiter und gab ihnen durch Zeichen zu verstehen, dass sie am Fuße des Baumes ein Loch graben sollten. Sie brachte ein Säcklein Hirse und eine Flasche unter ihrem Umhange hervor, kauerte sich nieder und murmelte unverständliche Worte. Dabei ließ sie ein Hirsekörnlein nach dem andern in die Flasche gleiten. Sie hatte kaum damit begonnen, so erhob sich ein gewaltiger Sturm. Den Männern standen die Haare zu Berge, aber sie ließen nicht von ihrer Arbeit ab. Als die weise Frau die Flasche bis obenan gefüllt und fest verschlossen hatte, ward es mit einem Male ganz still. Nun legte die Frau die Flasche in das gegrabene Loch und bedeutete den Männern, die Grube wieder zuzuschütten. Als die letzte Erdscholle darauf geworfen wurde, schlug es eins. Das Werk war vollbracht: der Amtmann war gebannt. So viele Hirsekörnlein in der Flasche sind, so viele Jahre muss er in der Grube still halten.
Man hat seitdem auch nicht wieder von ihm gehört und gesehen. Der Wald aber, in dem er einst sein Unwesen trieb, heißt noch heutigen Tages der Graurock und wird wohl immer diesen seltsamen Namen behalten.


Die Redaktion bedankt sich bei Georg Graf von Schönburg-Glauchau für die Bereitstellung der historischen Materialien.

Herausgegeben von der
Lehrerschaft des Schulaufsichtsbezirks Glauchau,
Druck und Verlag von E. R. Herzog, Meerane i. Sa., 1935

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