Der Wappenschild der Schönburger

Im Jahr 774 war König Karl, der Herrscher des Frankenreiches, mit einem mächtigen Heere über die Alpen nach Oberitalien gezogen. Er hatte nach hartem Streite den Langobardenkönig Desiderius besiegt und sich die Eiserne Krone auf das Haupt gesetzt.
In seiner Herrlichkeit saß er nun auf dem Throne in Pavia, der alten Krönungsstadt, und ließ die treuesten Kämpfer seines Heeres vor sich kommen. Da nahten sich ihm alle Großen seines Reiches, und er sprach zu ihnen: „In todesmutigem Ringen habt ihr den Feinden Trotz geboten. An euren Schilden zerbrach ihre Übermacht. Bis in die fernsten Zeiten soll sich das Zeugnis eurer großen Taten forterben. Darum will ich eure Schilde mit kostbaren Kleinoden schmücken." So empfingen alle aus des Herrschers Hand den Lohn für ihre Tapferkeit.
Nur ein jugendlicher Held mit einem einfachen Silberschild wagte nicht näherzutreten. Bescheiden stand er auf der Seite. Der König winkte ihn heran und sprach: „Wenn ich die Tapferen meines Heeres lohne, dann darfst Du, Schönburg, nicht ferne stehen. Auch deinem Mute verdanke ich den Sieg. So tritt heran, dass ich deinen Schild schmücke!"

Da verneigte sich der junge Recke und erwiderte: „Erhabener Herr, edler König, was ich für Euch tat, war meine Pflicht. Drum lasst mir meinen unbefleckten, silbernen Schild als Sinnbild der Unschuld und Reinheit! Sollte es mir aber einmal vergönnt sein, im blutigen Streite Euch meine Treue zu beweisen, dann will ich kommen und Euch bitten meinen Schild mit dem Sinnbild zu schmücken, das ich durch mein Blut verdient habe."
Nach diesen Worten wollte sich der junge Ritter entfernen, aber der König hielt ihn zurück und sprach: „Mein junger Held! Dein Wunsch sei dir gewährt! Du bist treu! Erhalte dir diesen edlen Sinn! Sei ein Ritter ohne Furcht und Tadel! Bleibe bescheiden, tapfer und treu!"
Jahre kamen, Jahre gingen. Noch immer nicht hatte der junge Schönburg für seinen König kämpfen können. Da rief Widukind, der Sachsenherzog, sein Volk zum Kampfe gegen die Franken auf. Eine furchtbare Schlacht entbrannte. Auf beiden Seiten wurde tapfer gekämpft. Karl stand mitten unter seinen Helden und widerstand mannhaft dem feindlichen Ansturme. Auf einmal wurde ihm sein Schild durch ein von starker Hand geschleudertes Felsstück zerschmettert, so dass seine Brust den Feinden schutzlos preisgegeben war. Der König fühlte: das war das Ende.
Da auf einmal, welch ein Wunder! Aus den Reihen der Gefallenen erhob sich ein blonder, junger Krieger und reichte dem König seinen Schild empor. Dann sank er, ermattet von der Anstrengung, zurück. Fahle Blässe bedeckte sein edles Antlitz, und aus einer großen Wunde auf der Brust quoll unaufhaltsam rotes Blut hervor.

Da wurden die Franken, die in dieser edlen Tat einen Gotteswink erblickten, von neuem Mut beseelt und erfochten ihrem Herrscher einen herrlichen Sieg. König Karl betrachtete den Schild, der ihn in höchster Not geschützt hatte, und rief: „Das ist Schönburgs Schild. Sucht den Tapferen, dass ich ihm danke!" Es währte nicht lange, da hatte man den Schwerverwundeten gefunden. Glückselig schaute er zu seinem Herrn empor. Dieser aber beugte seine Knie und sprach, indem er den Treuesten seiner Gefährten küsste: „Du hast vollbracht, was du gelobt. Dein König bin ich und dein Freund!" Dann berührte er mit Ring-, Mittel- und Zeigefinger die klaffende Wunde und strich mit dem reinen Blute zweimal über den silberfarbenen Schild, so dass zwei rote Querstreifen ihn zierten. „Schönburg! Dies sei fortan dein Zeichen: dein Blut das Wappenkleinod deines Hauses!"

Heute noch führt das Haus Schönburg diese Wappenzier, die ihm sein edler Vorfahr durch Bescheidenheit, Treue und Opfermut erwarb.

Aus Schönburgischen Landen in: Sagen der Heimat.

Arthur Fröhlich zum Gedächtnis.

Herausgegeben von der Lehrerschaft des
Schulaufsichtsbezirks Glauchau

Heft 7, Druck und Verlag von E. R. Herzog, Meerane i. Sa, 1935

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