Die verzauberte Prinzessin vom Totenstein

Aus Schönburgischen Landen – Sagen der Heimat

Die Turmuhr vom Rittergute in Rabenstein hatte eben die erste Stunde nach Mitternacht verkündet. Tiefe Ruhe lag über dem schlafenden Dorfe. Nur in einem Hause, ganz in der Nähe der Burg, war noch Licht. Dort ging es hoch her; denn die Tochter des Hauses hatte geheiratet. Das junge Paar, die Eltern und die zahlreichen Gäste waren in froher Stimmung.

Da klopfte es kräftig und aufgeregt an die Haustür. Der Hausvater öffnete kopfschüttelnd. Draußen stand ein wandernder Handwerksbursche. Er war dem Umsinken nahe. Zitternd ließ er sich an einen Platz geleiten. Nachdem er sich mit einem Schluck Bier gestärkt hatte, erkannte er, dass er die frohe Gesellschaft gestört hatte. Da entschuldigte er sich und sprach: „Wenn ihr wüsstet, was ich erlebt habe, würdet ihr meine Aufregung verstehen." Man drängte ihn zu erzählen.

Endlich begann er: „Ich bin ein wandernder Schuhmachergeselle und komme aus dem Thüringer Lande. Ich wollte nach Chemnitz, um dort Arbeit zu suchen. Von Waldenburg benutzte ich die Harthstraße. Die Sonne ging gerade unter, da sah ich Hohenstein im Tale unten liegen. Ich hoffte, bis zum Einbruch der Nacht Chemnitz zu erreichen und ging weiter. Aber da verlief ich mich so gründlich, dass ich um Mitternacht erst auf dem Totenstein anlangte. Todmüde setzte ich mich auf einen Stein nieder, um die Nacht dort zu verbringen. Schon fielen mir die Augen zu, da rührte mich jemand an der Schulter. Erschreckt drehte ich mich um und sah eine zwergenhafte Gestalt, die mit feiner Stimme zu mir sprach:

„Erschrick nicht vor mir, es geschieht dir nichts Schlimmes! Im Gegenteil, wenn du genau nach meinen Worten handelst, wirst du diese Nacht ein großes Glück erleben. Ich bin eine verzauberte Sorbenprinzessin und muss schon seit Jahrhunderten die Schätze meiner geflüchteten Stammesgenossen hüten. Sie ließen ihren ganzen Reichtum hier zurück, als sie von den Deutschen verdrängt wurden. Alle hundert Jahre einmal kann ich erlöst werden. Heute ist wieder der Tag gekommen. Du kannst mein Retter sein. Du musst das erste lebende Wesen, das dir entgegenkommt, auf den Mund küssen. Dann bin ich erlöst, und dir gehören alle Schätze, die hier in einer Höhle verborgen liegen. Nimm diesen Schlüssel, er öffnet dir die Tür. Sei mutig, dann machst du mich und dich glücklich! Bist du aber feige, bleibst du ein armer Bursche, und ich muss wieder hundert Jahre auf meine Erlösung warten."

Schnell war die Gestalt wieder verschwunden. Wie im Traume ging ich die Harthstraße weiter nach Rabenstein zu. Da kam eine fürchterlich große und hässliche Eidechse auf mich zu. Die feurigen Augen glotzten mich an. Und dieses Wesen sollte ich küssen? Um keinen Preis der Welt! Ich rannte in den Wald hinein und hörte nicht auf zu laufen, bis ich das freundliche Licht aus eurem Hause leuchten sah. Nun bin ich wieder bei meinesgleichen." Die Rabensteiner hatten diese Geschichte kopfschüttelnd angehört. Die Frauen bekreuzigten sich. Die Männer sprangen auf und waren gleich dabei, nach dem nahen Totenstein zu gehen. Vielleicht fanden sie den Schlüssel, den der fliehende Geselle verloren hatte! Vielleicht erschien ihnen der Zwerg! Vielleicht begegneten sie der Eidechse! Vielleicht hoben sie den Schatz!

Aber die Hoffnungen waren vergeblich. Nichts Besonderes fanden sie auf dem Totensteine. Sie gingen unverrichteter Dinge wieder heim. Auch noch an den kommenden Tagen suchte man in den Höhlen am Totensteine nach den verborgenen Schätzen. Umsonst. Golden leuchtete wohl etwas aus der Tiefe empor; aber es war kein Gold, sondern Leuchtmoos, das bei leisester Berührung seinen Schimmer verlor und in Staub zerfiel.

Die Redaktion bedankt sich bei Georg Graf von Schönburg-Glauchau für die Bereitstellung der historischen Materialien.

Aus Schönburgischen Landen.
In: Sagen der Heimat.
Arthur Fröhlich zum Gedächtnis.

Herausgegeben von der Lehrerschaft des Schulaufsichtsbezirks Glauchau, Heft 7,
Druck und Verlag von E. R. Herzog, Meerane i. Sa., 1935

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