Totengraben und Franzosengrab

Eine Sage aus der Zeit der Völkerschlacht 1813

( Aus Schönburgischen Landen – Sagen der Heimat )

Das Wässerlein des Totengrabens rinnt südlich des Dorfes Falken durch Fichtenwald hin und mündet nach kurzem Lauf in den Pechgraben ein. Zur Mitternachtsstunde ist es hier gar oft nicht geheuer. Französische Soldaten aus der Zeit Napoleons durchgeistern, tief in ihre langen Mäntel gehüllt, den Wald.

Wer den Mut hat, die unheimlichen, stillen Gesellen anzurufen, dem verschwinden sie spurlos in Dunkel und Nebel. Wenn ihre Unruhe zunimmt und sie allnächtlich den Wald durchstreifen, dann gehen wir schlimmen Kriegszeiten entgegen. Wie kommen die spukenden, fremden Soldaten in den stillen, friedlichen Wald?

Es war kurz vor der Schlacht bei Leipzig. Die Oktobertage waren herb und kühl. In den Nächten fiel Reif, und die Krähen zogen in großen, schwarzen Scharen durchs Land. Unheimlich klang ihr Gekrächze einem Trupp unbewaffneter, französischer Soldaten, der von Langenchursdorf den Feldweg hin dem Walde zuschwankte.

Es waren Verwundete, die schon lange unterwegs waren. Sie nahmen ihre letzten Kräfte zusammen, um das Hospital in Oberlungwitz zu erreichen. Dort hofften sie, Genesung zu finden. Eitle Hoffnung! Der Weg war weit. An einem Wässerlein im Walde mussten sie ruhen. Den meisten fehlte die Kraft, sich wieder zu erheben. So blieben sie im feuchten, weichen Waldboden liegen.Drei Mann, deren Kräfte noch reichten, bemühten sich um die todmatten Kameraden, benetzten ihre fieberheißen Lippen und kühlten die brennenden Wunden. So ging der Tag hin, und die Dämmerung kam. Die drei hielten getreue Wacht, bis auch ihnen die müden Augen zufielen.

Als der neue Tag sich am heller werdenden Osthimmel zeigte, weckte die Morgenkälte die drei Wächter. Sie bemühten sich sofort um ihre Kameraden. Doch es war nicht nötig. Die schwachen Kräfte der Schwerverwundeten hatten nicht mehr gereicht, die kalte Herbstnacht zu überstehen. Traurig blickten die fremden Krieger auf die Toten; nicht einmal den letzten Liebesdienst konnten sie ihnen erweisen. Sie mussten sie an dem Wässerlein liegen lassen, das darum den Namen Totengraben erhielt.

Die drei Überlebenden wankten weiter. Kurz vor Mittag pochten sie an das Tor des Hospitals in Oberlungwitz. Der Pförtner öffnete und sprach: „Unser Haus ist übervoll besetzt." Das war zu viel für die Schwergeprüften. Vor der Tür sanken sie um. Der Pförtner meinte, sie seien tot. Auf sein Rufen kamen Gehilfen herbei, trugen die Soldaten ins Haus und untersuchten sie. Die Verwundeten waren noch am Leben. Ihre Verbände wurden gelöst, die eiternden Wunden ausgewaschen und mit frischem Tuch verbunden.
Weil kein Platz mehr zu schaffen war, ging einer der Gehilfen zum benachbarten Bauer. „Wir haben noch drei Verwundete bekommen. Für sie sind keine Betten da. Willst du sie ins Hospital nach Glauchau fahren?" Der Bauer war dazu bereit. Da der Weg über die Dörfer durch Truppen versperrt war, fuhr er über Hohenstein. Im Wagen auf Stroh und in Decken gehüllt lagen die Drei.

Als der Bauer schon über die höchste Stelle des Badberges hinweg war, schaute er einmal nach den fremden Soldaten. Mit großen, starren Augen lagen sie bleich und kalt und tot. Der Bauer hielt an, lud die Toten ab und bettete sie in den Straßengraben. Bauernhände schaufelten ihnen am Grabenrand ein gemeinsames Grab. Bis vor einigen Jahren wölbte sich dort der schmucklose Hügel. Viele Leute können sich noch auf das Franzosengrab besinnen.


Die Redaktion bedankt sich bei Georg Graf von Schönburg-Glauchau für die Bereitstellung der historischen Materialien.

Herausgegeben von der
Lehrerschaft des Schulaufsichtsbezirks Glauchau,
Heft 7, Druck und Verlag von E. R. Herzog, Meerane i. Sa., 1935

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