Sagen & Mythen

Der Nixenstein bei Waldenburg

Aus Schönburgischen Landen – Sagen der Heimat

In Waldenburg führt von der Muldenbrücke aus vielgewunden der Weg flussabwärts über den Schützenanger nach dem nahen Niederwinkel. Wo sich heute die Altstadt mit ihren letzten Häuschen in die Landschaft verliert, da stieß noch um die Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts der Wald bis an die menschliche Siedlung vor.
An dieser Stelle birgt der schwarzglänzende Fluss ein Geheimnis. In dürren Sommern, wenn die Mulde fast kein Wasser führt, wird hier ein großer Felskegel sichtbar, den man von altersher den Nixenstein nennt.

Unter diesem Steine wohnte eine Nixenfamilie.
Hin und wieder ließen sich die Nixen unter den Menschen sehen. Sie besuchten den Wochenmarkt in Waldenburg und kauften in den Geschäften ein. Aber immer nur einzeln kamen sie zur Stadt. In blauer Schürze sah man die Burschen. Mit dem Körbchen am Arme und im bunten Kopftuche erschienen die Mädchen und Frauen. Sie alle waren klein von Gestalt und am nassen Schürzensaum oder Rockschweif untrüglich zu erkennen. Zum Vogelschießen trafen sie sich alle – wohl fünf Mädchen und drei oder vier Burschen – bei Gräfens auf dem Anger zum Tanz.
Mehr als einmal versuchten tanzlustige Burschen und Mädchen der Altstadt, sie zum Tanz zu gewinnen. Aber sie schlugen alle Einladungen beharrlich aus. Sie tanzten – wenn man ihr Hüpfen so nennen will – wie fröhliche, ausgelassene Kinder nur mit ihresgleichen bis an die Mitternacht.
Auch auf ihrem Heimwege wollten sie sich von keinem Menschen begleiten lassen.

Aber die Altstädter Burschen wären gar zu gern hinter das Geheimnis der Nixen gekommen. Bevor der Tanz zu Ende ging, machten sie sich außen am Saale bereit, um die Nixen unauffällig zu begleiten.
Aber die Nixen mussten die Absicht der Burschen gemerkt haben. Sie wichen aus und wählten alle möglichen Umwege. So vorsichtig die Burschen auch zu Werk gingen, sie hatten doch die Spur alsbald verloren.
„Diesmal darf unser Mühen nicht umsonst sein. Wir müssen so schnell wie möglich auf die Niederwinkler Straße kommen", sprachen die Burschen untereinander.

Nach kurzem Eilmarsche hatten sie diese erreicht, konnten aber nichts entdecken. Erst als sie eine leichte Bodenwelle überstiegen, erkannten sie vor sich huschende Gestalten und vernahmen schnelle, schlürfende Schritte. „Da sind sie!", jubelten die Verfolger. „Nun entkommen sie uns nicht mehr!"
Die Nixen hatten inzwischen die Waldecke erreicht, die mit ihrem Schatten die Stelle verdunkelte, wo sich der Nixenstein in der Mulde befand.
Die Burschen beschleunigten ihre Schritte. Doch als sie am Waldrande angelangt waren, fanden sie von den Nixen keine Spur!

Eifrig suchten die einen auf der birkenbestandenen, schmalen Muldenwiese. Vergeblich mühten sich die anderen, die Finsternis des nächtlichen Waldes zu durchdringen. Aber der Mulde ihre Aufmerksamkeit zu schenken, hatten sie ganz vergessen. Und die hätte ihnen durch immer größere Wellenkreise untrüglich verraten, dass die Nixen in die vom nahen Wehr gestaute, unbewegte Flut untergetaucht waren. Enttäuscht zogen die Burschen heimwärts. Ein leises Grauen saß ihnen im Nacken. Erst als sie wieder Häuser hinter sich hatten, fühlten sie sich geborgen.

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Die Redaktion bedankt sich bei Georg Graf von Schönburg-Glauchau für die Bereitstellung der historischen Materialien.

Aus Schönburgischen Landen.
In: Sagen der Heimat. Arthur Fröhlich zum Gedächtnis.Herausgegeben von der Lehrerschaft des Schulaufsichtsbezirks Glauchau, Heft 7, Druck und Verlag von E. R. Herzog, Meerane i. Sa., 1935

Grafik: Anne Schild, Meerane

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