Aus Schönburgischen Landen – Sagen der Heimat

Die Glocken vom Kirchberg

Dem Hüttengrunde ist nördlich ein Höhenzug vorgelagert. Er heißt im Volksmunde der Kirchberg. Auf seinem Rücken erstreckten sich Äcker, in denen die Bauern schon oft Münzen aus alten Zeiten fanden. Am südlichen Abhang entdeckte man einmal eine große Anzahl von Hufeisen. Ihrem Aussehen nach stammten sie aus vergangenen Jahrhunderten. An diesem Platze hat früher eine Schmiede gestanden. Im Tale hin zog sich ein Dorf. Ein reicher Hof lag neben dem andern. Oben auf den Berg hin bauten die Bauern ihr Gotteshaus. Niemand weiß, wie es ausgesehen hat. Die Glocken läuteten jeden Morgen, Mittag und Abend und gaben den Leuten die Zeit an. Sie riefen auch jeden Sonn- und Feiertag zum Gottesdienst hinauf auf den Berg. Aber nur wenige fanden den Weg dahin.

Einmal geschah es, dass sich der Himmel nachts nach Süden zu rötete. Ein gewaltiges Feuer musste ausgebrochen sein. Das wiederholte sich nun Nacht für Nacht. Der Feuerschein kam immer näher. Bis in die Morgenstunden hinein standen die Menschen an den Hängen des Kirchbergs und starrten südwärts.
Eines Tages kamen bleiche, zu Tode erschrockene Flüchtlinge ins Dorf: „Glauchau brennt! Die Hussiten sind in unsere Heimat eingebrochen! Sie sengen und brennen, sie rauben, plündern und morden!" Bei dieser Schreckenskunde eilten die Männer und Frauen hinauf zur Kirche, als ob sie da Hilfe finden könnten. Da stürzte schreckensbleich der Hütejunge in das Dorf. „Sie sind da! Meine Schafe und Ziegen haben sie weggenommen!" Die Glocken läuteten Sturm.

Durch den Grund sprengten feindliche Reiter. Bald war auch das Fußvolk da. Und mit ihnen kamen Not und Tod. Es war ein furchtbarer Tag. Ein Gut nach dem andern ging in Rauch und Flammen auf. Nichts wurde geschont, nicht Mann, nicht Frau, noch Kind. Geld und Schmuck schleppten die hussitischen Mordbrenner weg. Das Vieh trieben sie vor sich her. Die schlimmen Gesellen warfen den Feuerbrand auch in das Gotteshaus.

Dann kam die Nacht. Die neue Brandfackel loderte gen Himmel und verzehrte vollends das Dorf Kirchberg. Nicht ein Stein blieb auf dem andern.
Die raubgierigen Scharen zogen weiter nordwärts nach Spielsdorf. Auch dieses Dorf ging in Flammen auf. Es blieb nur ein Trümmerhaufen von ihm übrig. Die Häuser sind nicht wieder aufgebaut worden. Drei schilfige Weiher mit einem Häuschen liegen heutzutage in den Feldern, wo vor 500 Jahren zwischen Callenberg und Langenchursdorf Spielsdorf gestanden hat. Wenn an den langen Abenden der Wind den Nebel über die Flur treibt, klingt es zuweilen wie Hufschlag flüchtiger Reiter.

Die Kirche auf dem Kirchberge hat noch lange ausgebrannt und verlassen gestanden. Über Schutt und Asche der Häuser im Grunde aber sind Gras und Unkraut gewachsen. Niemand weiß, wo sie einst gestanden haben. Von der Kirche ist Stein um Stein hinuntergebröckelt ins Tal. Auch sie ist allmählich versunken und verschwunden.

Nach langen Jahren sind einmal Hütejungen aus Oberlungwitz auf den Kirchberg gekommen. Sie hüteten auf der wüsten Mark ihre Schweine. Da geschah es, dass eine wilde Sau im Boden wühlte und dabei zwei Glocken freilegte. Erstaunt standen die beiden Hirten vor dem gefundenen Schatz. Der eine sagte: „Diese Glocke will ich der Lungwitzer Kirche verehren." Der andere meinte: „Das lasse ich bleiben. Ich verkaufe die Glocke und will mir von dem Erlös etwas zugute tun." Aber kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da versank die Glocke vor seinen Augen im Boden. Sie ward nie wieder gesehen. Die andere Glocke wurde nach Oberlungwitz gebracht. Wenn sie läutete, soll es geklungen haben:

„Baum, Baum, Kirchberg.
Kirchberg ist mein Vaterland,
da mich die wilde Sau umwandt."

Die Redaktion bedankt sich bei Georg Graf von Schönburg-Glauchau für die Bereitstellung der historischen Materialien.

Aus Schönburgischen Landen. In: Sagen der Heimat. Arthur Fröhlich zum Gedächtnis.

Herausgegeben von der
Lehrerschaft des Schulaufsichtsbezirks Glauchau,
Heft 7, Druck und Verlag von E. R. Herzog, Meerane i. Sa., 1935

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